Institut für IndividualSystemik | Artho & Veeta Wittemann
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Warum wir erst anfangen uns selbst zu verstehen

Die Architektur der Innenwelt

 
Die zentrale Botschaft dieses Buches ist: Egal wie verwirrend, widersprüchlich und unerklärlich die menschliche Psyche auch erscheinen mag: sie verwandelt sich in ein sehr sinnvolles, logisches und nachvollziehbares System, sobald wir ihren inneren Aufbau, ihre Architektur verstehen.
 
Einhundert Jahre nach Sigmund Freud fehlt uns immer noch ein übergreifendes Bild von der Innenwelt des Menschen. Ein Bild, das alle menschlichen Phänomene – vom kleinen persönlichen Wutanfall bis zur spirituellen Erleuchtung – in einem großen Modell einordnen und erklären kann und das zudem in der Praxis präzise überprüfbar ist.
 
Warum gibt es bis heute keine allgemeine Theorie über den Aufbau der Psyche?
Es war Sigmund Freud selbst, der uns davon überzeugt hat, dass sich das Unbewusste für immer der direkten und systematischen Untersuchung entzieht und niemand hat ihn bisher in diesem zentralen Punkt widerlegt. Die menschliche Psyche gilt immer noch als eine Art Black-Box, in die man nicht hineinsehen kann. Alle psychologischen Schulen sind um dieses Paradigma herum aufgebaut.
 
In meinem Buch behaupte und zeige ich nun das Gegenteil: Die Psyche des Menschen kann durchaus direkt, systematisch und umfassend erforscht werden - wenn wir ihren inneren Aufbau verstehen.
 
Die menschliche Psyche ist keine Einheit. Sie besteht aus einer Vielzahl ‚innerer Quellen’, von denen jede ganz unterschiedlich auf das Leben, die Menschen und die Welt antwortet.
Wenn wir einen Menschen verstehen wollen, dann dürfen wir nicht darauf achten was er sagt; vielmehr müssen wir darauf achten aus welcher inneren Quelle es kommt. Denn je nach Quelle bedeutet die gleiche Aussage etwas völlig anderes.
Zum Beispiel: Jemand sagt Ich liebe Dich. Je nachdem, aus welcher inneren Quelle der Satz kommt, hat er eine ganz andere Bedeutung. Hier eine kleine Auswahl:
  1. Ich will Sex.
  2. Ich kann nicht alleine sein.
  3. Hoffentlich bist Du jetzt zufrieden und lässt mich in Ruhe.
  4. Liebe mich!
  5. Ich betrüge Dich, aber Du sollst es nicht merken.
  6. Ich liebe Dich, solange Du nichts von mir forderst.
  7. Ich gebe mich für Dich auf.
  8. Es ist sehr praktisch, dass Du da bist.
Aber wie soll man herausfinden, aus welcher inneren Quelle eine Aussage kommt? Um das anschaulich zu verstehen, begleiten wir in meinem Buch vier ganz unterschiedliche Personen bei der Erforschung ihrer eigenen Innenwelt.
Nehmen Sie zum Beispiel Philip, einen erfolgsverwöhnten, etwas großspurigen jungen Unternehmer, der in meine Praxis kommt, um zu verstehen, warum seine Beziehungen nie länger halten als eine Saison. Er wirkt erst einmal gar nicht wie jemand der Beratung sucht, sondern eher so, als würde er auf einen kurzen Smalltalk vorbeischauen. Auf einmal wird er dann doch etwas ernsthafter und bekennt, dass ihm seine Bindungslosigkeit Sorgen bereitet - nur um mir im nächsten Moment mit einem etwas frechen Grinsen zu erklären, dass er sich bei seinem Job eine längere Beziehung schon rein zeitlich gar nicht leisten könne. So geht das eine ganze Weile hin und her, bis ich ihn frage, ob ihm auffällt, wie unterschiedlich er spricht: mal ganz ernsthaft und dann wieder so witzig und überlegen.
 
Könnten das zwei verschiedene innere Quellen sein, die sich beide abwechselnd zum gleichen Thema äußern? Und wenn das so ist: Könnten wir sie auch einzeln kennenlernen und mehr über sie herausfinden?
In dem Moment, wo wir diese Frage stellen, machen wir einen entscheidenden Schritt: Wir fragen nicht mehr nach dem Inhalt, sondern nach der Quelle, aus der der Inhalt kommt. Wir fragen nicht mehr: Was wird gesagt? Wir fragen jetzt: Wer sagt es?
 
Philip leuchtet dieser Ansatz ein und er will die Spur weiter verfolgen. Wir sitzen uns in meinem Praxisraum in einem Abstand von etwa drei Metern gegenüber. Ich bitte Philip nun, mit dem Stuhl ein wenig nach vorne zu rutschen, um seiner witzig-überlegenen Seite einen eigenen Platz in Raum zu geben. Sie bildet gewissermassen das Empfangskommittee, mit dem jeder, der Philip kennenlernt, erst einmal zu tun hat.
 
Nun entspinnt sich ein witziger Dialog zwischen „Philip dem Großen, dem Meister aller Hubraum-Klassen“, wie er sich gleich einmal vorstellt und mir; ein Dialog, der mit der ursprünglichen Frage nach beständigen Beziehungen auf den ersten Blick gar nichts mehr zu tun hat. Es geht jetzt nur noch um Philip den Großen und seine Kunst, andere Menschen mit seiner charmant großpurigen Art zu beeindrucken und für sich zu gewinnen. Es geht darum, diese innere Quelle so genau und intensiv wie möglich kennen zu lernen, ohne sie zu verändern oder zu bewerten.
 
Um das zu erreichen, muss ich ähnlich werden wie die Quelle selbst. Das bedeutet aber nicht, dass ich sie nachmache. Es bedeutet, dass ich eine ähnliche Quelle in mir finde, eine, der es selbst Spaß macht, witzig, überlegen und grossspurig zu sein und die Lust daran findet, dieses Spiel auf die Spitze zu treiben. Wir nennen diese Art des Dialoges Gleich-zu-gleich. Das Prinzip ist recht einfach; die Praxis ist ziemlich anspruchsvoll und komplex. In meinem Buch sind die Grundlagen dieser Vorgehensweise detailliert beschrieben.
 
Aber zurück zu Philip dem Großen. Wie gesagt, es geht nicht darum, ihn zu verändern oder zu einer Einsicht zu bewegen, sondern nur darum, seine Art bewusst zu machen. Am Ende der ersten Sitzung verabschiede ich einen ziemlich nachdenklichen Philip, der zum ersten Mal versteht, dass eine einzige innere Quelle, zu der er bisher immer „ich“ gesagt hat, einen Großteil seiner Kommunikation mit anderen Menschen dominiert.
Das ist aber nur der Anfang. In den nächsten Sitzungen beschäftigen wir uns weiter ausschließlich mit Philip dem Großen und machen eine erstaunliche Entdeckung: Wenn man Philip den Großen nicht in Ruhe lässt, sondern ihm, im Gegenteil, den direkten Kontakt förmlich aufdrängt, wie ich das im Rahmen der Sitzungen tue, dann schlägt seine joviale und großzügige Stimmung an einem Punkt plötzlich um und er verwandelt sich in einen unangenehm distanzierten, unfreundlichen, fast aggressiven Zeitgenossen, der alles dafür tut, dass man gerne auf Abstand geht. Aus dem Meister aller Hubraumklassen wird ein veritabler Stinkstiefel.
Zu seiner Verblüffung erkennt Philip diesen Zustand wieder: Genau so fühlt er sich jedesmal, wenn er von einer Beziehung wieder einmal die Nase voll hat und er die aktuelle Dame loswerden will. Normalerweise hat er dafür eine Menge einleuchtender Gründe parat, für die allein die jeweilige Dame die Verantwortung trägt. Jetzt muss er erkennen, dass diese Haltung auch ohne äußeren Anlass ständig in ihm ist und zwar unter der einladenden und freundlichen Oberfläche von Philip dem Großen.
Wieder verstärken und vertiefen wir diese Haltung und dabei darf ich jetzt ähnlich unverschämt und abweisend werden wie er. Und wieder, nach einigen Stunden des intensiven Kontaktes im Gleich-zu-gleich, wendet sich das Blatt. Der abweisende, missgelaunte Stinkstiefel verwandelt sich nun in einen aufrechten Wächter, der klar und direkt seine enorme Unabhängigkeit, seine Stärke und seine Urteile zeigt. Er nennt sich selbst Der Boss. Und als ihm schließlich bewusst wird, dass er eigentlich eine andere Quelle in Philip schützt, die noch klein und verletzlich ist, wird der Boss von Gefühlen der Liebe und Zuneigung überwältigt. Seine Kraft bleibt erhalten, aber sie wird respektvoll, bezogen und menschlich.
 
Die innere Quelle, die wir Philip der Große nennen, war ihrem Besitzer Philip zu Beginn dieses Prozesses fast völlig unbewusst – obwohl sie täglich einen wesentlichen Teil seines Lebens bestimmte. Nur ein Teil ihrer Oberfläche, nämlich ihr Verhalten und ihre wechselnden Inhalte waren Philip bewusst.
Ab und zu, wenn er eine Beziehung beenden wollte, erlebte er die Negativität aus der Schicht des Stinkstiefels, aber er hatte keinerlei Ahnung was sie bedeutete. Wenn ihre Aufagbe erledigt war, verschwand sie wieder völlig aus seiner Wahrnehmung. Die weiteren Schichten waren ihm immer völlig unbewusst.
Wie war es möglich, so gezielt und tief in das Unbewusste einzudringen, es erlebbar zu machen und vor allem, die inneren Zusammenhänge zu beleuchten und zu verstehen? Es war möglich, weil wir der natürlichen Architektur der Psyche gefolgt sind.
 
Dabei haben wir, ähnlich wie ein Archäologe, mehrere Schichten freigelegt – und zwar in der umgekehrten Reihenfolge ihrer Entstehung.
Ganz unten ist die Essenzhaltung, die ursprüngliche unverstellte Natur der inneren Quelle; in diesem Beispiel ist es ein kraftvoller, unabhängiger Mann, der ein tiefes Gefühl für Respekt, Gerechtigkeit und Integrität empfindet. Seine Werte müssen irgendwann früh in Philips Leben bedroht gewesen sein. Er wollte die Bedrohung abwehren und sammelte all seine Kraft, Autorität und Unabhängigkeit, um sich ihr in den Weg zu stellen – er wurde zum Boss. Der Boss ist eine Reaktionshaltung dieser Quelle, denn er befindet sich in einem dauerhaften und unreflektierten Zustand der Abwehr und Selbstbehauptung. Weil diese Haltung nicht reichte, um seine Werte zu verteidigen, begann er zusätzlich eine ständige negative, ablehnende Haltung zu entwickeln – den Stinkstiefel. Nun war er zwar sicher, aber auch einsam. Also entwickelte er eine weitere Schicht, die ihm zwar Freunde und Anerkennung brachte, die Menschen aber gleichzeitig auf Abstand hielt: das war die oberste Schicht, Philip der Große. Dies alles geschah im Dunkeln des Unbewussten und in der Freilegung der Schichten wird es zum erstenmal bewusst erlebt und verstanden.
 
Als nächstes werden wir uns der Quelle in Philip zuwenden, die sich beim ersten Gespräch etwas ernsthafter gezeigt hat und wir werden sie genauso intensiv erforschen wie Philip den Großen. Ungefähr 10 solcher sehr unterschiedlicher Quellen werden wir im Laufe des Prozesses begegnen, bis wir das geheime Zentrum dieses Systems entdecken.
 
Für diese Arbeit muss der Begleiter ganz auf eine Wertehierarchie verzichten. Denn wenn er selbst – und sei es auch nur unbewusst - auf Werten besteht, die den Werten einer inneren Quelle widersprechen, dann kann er dieser Quelle nicht gerecht werden und er wird sie nicht bis in ihre Tiefe zurückführen können. 
 
Dies wird am deutlichsten, wenn wir uns bewusst machen, dass man alle inneren Quellen letztlich auf fünf große archtypische Felder zurückführen kann.
Jede innere Quelle ist ihrer Natur nach entweder weiblich, männlich, kindlich, instinkthaft oder spirituell.
Wir nennen dies die Fünf Kontinente der Psyche: Frau, Mann, Kind, Tier und Gott. Jeder der Kontinente hat seine eigenen tiefen Werte.
Wenn ich nun einer Quelle, die aus dem Kontinent Tier kommt mit Werten aus dem Kontinent Gott begegne, dann kann ich ihr nicht wirklich antworten. Sogar wenn ich ihr bedingungslose Liebe schenke, kann ich ihr damit nicht gerecht werden. Sie braucht eine Antwort aus einer ebenfalls instinkthaften Quelle, sie braucht die Liebe aus dem Kontinent Tier und die fühlt sich ganz anders an als die Liebe aus den anderen Kontinenten.
Die Entwicklung hin zu einer inneren Ganzheit ist in diesem Konzept nicht auf die spirituelle Entwicklung konzentriert. Sie umfasst und fordert die Bewusstmachung und Klärung aller Quellen aus allen fünf Kontinenten, und zwar in der Reihenfolge, wie wir sie im jeweiligen individuellen System antreffen.
 
Dies sind nur einige der grundlegenden Konzepte, die ich in meinem Buch zur inneren Struktur der Psyche entfalte.
Parallel dazu und in logisch leicht nachvollziehbarer Form rolle ich die Geschichte der modernen Psychologie noch einmal ganz von vorne auf. Am Beispiel der Strukturmodelle von Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und Roberto Assagioli zeige ich die entscheidenden Weichenstellungen auf, die dazu führten, dass diese Modelle zu einem jeweils einseitigen und vor allem sehr unscharfen Bild der Psyche führten. Diese Unschärfe zu überwinden und die Psychologie zu einer Wissenschaft zu machen, die die Subjektivität des Menschen sehr präzise und systematisch ausloten kann, ist das größte Anliegen meines Buches.
Die Neudefinition der Begriffe des Ich, des Widerstandes und der Verdrängung, die ich in meinem Buch vornehme, verwandeln die undurchsichtige Black-Box Psyche in ein logisches, nachvollziehbares und trotzdem sehr lebendiges System.
C.G. Jungs Konzept der Archetypen und Komplexe wird in meinem Buch ebenso neu definiert wie die weit verbreiteten Begriffe Höheres Selbst und Teilpersönlichkeit, die Roberto Assagioli in die Psychologie einführte.
In jeweils einem Kapitel finden Sie eine detaillierte und kritische Auseinandersetzung mit dem Voice Dialogue und mit dem Inneren Team nach Schulz von Thun.
Das Buch wird dabei nie theorielastig. Das lebendige Beispiel des Entwicklungsprozesses meiner vier Protagonisten lässt den Leser immer hautnah erleben, wie sich das Unbewusste Schritt für Schritt und systematisch erforschen lässt und wie die theoretischen Konzepte ihre praktische und lösungsorientierte Anwendung finden.
 
Dies ist ein neues Bild der menschlichen Psyche.
Es beruht auf der radikalen Unterscheidung von Inhalten und den Quellen, die diese Inhalte produzieren.
Es beruht auf einem radikal systemischen, sich selbst regulierenden Bild der Psyche, das keinem seiner Teilnehmer eine übergeordnete Rolle einräumt.
Und es beruht auf der radikalen Bereitschaft des Begleiters, sich den Eigenheiten jeder einzelenen inneren Quelle so lange auszusetzen, bis ihre ursprüngliche Natur nicht nur verstanden, sondern mit allen Sinnen erfahren wurde.