Institut für IndividualSystemik | Artho & Veeta Wittemann
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Institut für Individualsystemik | Artho & Veeta Wittemann - Ein kurzes Interview mit Artho Wittemann über sein neues Buch

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Ein kurzes Interview mit Artho Wittemann über sein neues Buch

Von Nadja Rosmann

Was zeichnet die von Ihnen entwickelte IndividualSystemik aus?

Artho S. Wittemann: Die IndividualSystemik bietet ein Meta-Modell der Psyche an, das alle menschlichen Phänomene sinnvoll einordnet, erklärt und der direkten Überprüfung zugänglich macht. Dazu braucht sie nur wenige Parameter, die in ihrer Gleichzeitigkeit jedoch sehr schnell zu genau der Komplexität führen, wie wir sie von Menschen gewohnt sind.
Die IndividualSystemik erkennt die Psyche als ein sich selbst organisierendes System autonomer Einheiten, die eine personenhafte Natur besitzen. Der Schlüssel liegt nun darin, die einzelnen ‚Inneren Personen’ im direkten Kontakt zu erleben und ihre tiefere Natur zu erkennen.

Warum ist der Widerstand keine Hürde für tiefenpsychologische Einsichten, sondern im Gegenteil sogar das Tor zur Psyche?

Artho S. Wittemann: Es gehört zu den Grundprinzipien der Psyche, ihre eigene Tiefe gegen feindliche oder vermeintlich feindliche Einflüsse zu schützen. Diese Schutzreaktion nennen wir Widerstand. Wenn es verschiedene Innere Personen gibt, von denen sich jede auf eigene Weise und aus eigenen Motiven schützt, dann kann ich bereits anhand des Widerstandes ablesen, mit ‚wem’ ich es da zu tun habe.
Ich muss den Widerstand also nicht überwinden, um an die ‚Wahrheit’ zu kommen; der Widerstand selbst ist Ausdruck einer ‚Wahrheit’. Wenn ich mich aufrichtig für diese Wahrheit interessiere, sie respektiere und erkenne, wird sie zur Türe in tiefere Schichten der Inneren Person.

Wie können Therapeuten mit den von Ihnen beschriebenen „Inneren Personen“ in Kontakt kommen und sie zurück zur Integrität führen?

Artho S. Wittemann: Die Arbeit mit Inneren Personen, so wie wir sie lehren, stellt sehr hohe Ansprüche an den Therapeuten. Denn der Therapeut muss in diesem Prozess seine sichere Therapeutenrolle verlassen und in einen direkten und wahrhaftigen Dialog mit jeder einzelnen Inneren Person treten. Wir nennen diese Art von Dialog „Gleich-zu-Gleich“. Es bedeutet, dass der Therapeut nicht nur mit ähnlichem Verhalten und ähnlichen Inhalten, sondern aus einer tiefgemeinten ähnlichen inneren Haltung antwortet. Das kann er aber nur, wenn seine eigenen Inneren Personen zu so einer intensiven Begegnung bereit sind. Er muss also seinen eigenen persönlichen Prozess schon sehr weit betrieben haben. Das gilt vor allem für die Auseinandersetzung mit seinen eigenen ‚Geheimen Machtseiten’.

Was genau meinen Sie mit dem Begriff ‚Geheime Machtseiten’?

Artho S. Wittemann: Geheime Machtseiten nennen wir die Inneren Personen, die sich radikal und absolut von der Welt und den Menschen zurückgezogen haben. Sie wollen um jeden Preis geheim bleiben und sie existieren nach unserer Erfahrung in jeder Psyche. Das stellt jede Therapie vor ein fast unlösbares Problem, denn Therapie lebt vom Kontakt zwischen dem Therapeuten und der Psyche. Die Geheimen Machtseiten lassen sich auch nicht über Umwege, wie etwa Hypnose oder emotionale Körperarbeit erreichen. Sie wissen, dass ihr mächtiger Einfluss darauf beruht, dass ihr Wille unsichtbar und damit unangreifbar bleibt. Solange dieses Thema nicht erlöst ist, bleibt der Begegnungs-Spielraum auch eines guten Therapeuten recht begrenzt.

Auf welcher Grundlage basieren die von Ihnen beschriebenen „Fünf Kontinente“, die die archetypischen Urfelder der Psyche bilden?

Artho S. Wittemann: Die Fünf Kontinente der Psyche –  Frau, Mann, Kind, Tier und Gott – sind die fünf Urformen des Menschseins. Wenn man eine Innere Person bis in ihre essenzhafte Tiefe kennen gelernt hat, kann man sie eindeutig einem der Fünf Kontinente zuordnen. Die tiefsten Werte des Menschseins sind mit ihnen verbunden: weibliche Bezogenheit, männliche Struktur, kindliche Empfindsamkeit, instinkthafte Überlebenskraft und göttliche Transzendenz. In unendlich vielen Spielarten entfalten die Inneren Personen diese Qualitäten in unserem Leben. Im Widerstand – wir haben gerade darüber gesprochen – verbergen und schützen sie diese Qualitäten jedoch, oft bis zur Unkenntlichkeit.

Wie sind Sie nun zu diesem Konzept gekommen?

Artho S. Wittemann: Hauptsächlich durch unsere Erfahrungen in der Praxis. Es ist ein ganz besonderes Ereignis, wenn man der Essenz-Qualität einer Inneren Person direkt begegnen darf. Man erlebt die Innere Person in großer Klarheit, Tiefe und Eindeutigkeit. Oft sind es dann die Inneren Personen selbst, die ihre Natur als weiblich, männlich, kindlich, instinkthaft oder transzendent beschreiben. Es ist eine große Erleichterung für sie, sich selbst so eindeutig zu erleben und zu verstehen.

Wie bereichert Ihr Modell die therapeutische Praxis?

Artho S. Wittemann: Die IndividualSystemik hat vor allem drei Geschenke für die therapeutische Praxis.
1. Die radikale Unterscheidung zwischen Inhalt und Quelle – was jemand sagt und wer in ihm es sagt – führt schnell zum Kern der Dinge. Aus Darüber–Sprechen wird direkte, vertiefende Begegnung.
2. Gleichzeitig wird diese Begegnung von einem sehr klaren Meta-Modell geführt. Der Therapeut weiß wo er ist und wo nicht. Die Präzision seiner Bewegungen erhöht sich um ein Vielfaches.
3. Die hohe Präzision wiederum führt dazu, dass die Inneren Personen dem direkten Kontakt nicht mehr so leicht ausweichen können. Ihre Ausweichbewegungen werden im Gleich-zu-Gleich erkannt und benannt und führen dadurch weiter in die Tiefe.

Welchen Nutzen haben interessierte Laien von Ihrem neuen Buch?

Artho S. Wittemann: Jeder Mensch weiß aus eigener Erfahrung, wie verwirrend und frustrierend die Bewegungen der Psyche sein können. Wir sind eben nicht Herren im eigenen Haus, wie Freud schon so richtig sagte. Wir finden uns selbst vor als ein bestimmter Mensch, von dem wir weder den inneren Aufbau noch die tieferen Motive noch die ursprüngliche Natur kennen.
Allein die Tatsache, dass unsere Innenwelt eine sinnvolle und nachvollziehbare Architektur besitzt, ist für viele Menschen eine sehr erleichternde Nachricht. Und am Beispiel von vier ganz verschiedenen Individuen kann der Leser hautnah miterleben, wie sich das Bild der inneren Realität immer deutlicher entfaltet – und kann daraus sicher seine eigenen interessanten Schlüsse ziehen.